15.12.2010: Vereine in der Pflicht

In den letzten Jahren hat sich die Zahl der Ganztagsschulen in Deutschland enorm vermehrt. In ihrem Konzept spielt der Sport dabei eine nicht ganz unwichtige Rolle. Diese Entwicklung bringt einige Veränderungen für den Sport mit sich, die ebenso eine Gefahr wie eine Chance in der Zukunft darstellen.
Deutschland im Bildungstief
Das Modell der Ganztagsschulen ist nicht neu, aber es war selten so aktuell wie zurzeit. In den letzten Jahren haben sich immer mehr Schulen zu Ganztagsschulen gewandelt. Hauptbeweggrund waren die Ergebnisse des PISA Tests, und der damit entstandenen Diskussion, um das deutsche Bildungsniveau. Durch längere und individuellere Betreuung sollen die Bildungsschwächen wieder ausgemerzt werden. Der Bund hat zur Unterstützung der Länder das Investitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" ins Leben gerufen, eines der größten Bildungsprogramme der deutschen Geschichte. Von 2003 bis 2007 wurden 4 Mrd. € für den Auf- und Umbau von Ganztagsschulen zur Verfügung gestellt.
Die genaue Umsetzung von weiterführenden Programmen ist hierbei Ländersache. In Nordrhein Westfalen wird hauptsächlich, basierend auf den Programmen „13 Plus“ und „Schule von 8 bis 1“ das Konzept der „Offenen Ganztagsschule“ durchgesetzt. Im Schuljahr 2007/2008 gehen etwa 160.000 Kinder auf die 2.900 „Offenen Ganztagsschulen“ in NRW (Quelle: Rheinisches Ärzteblatt)
Zur kurzen Erläuterung: Unter einer offenen Ganztagsschule versteht man eine Schule, deren Pflichtveranstaltungen im Morgen- beziehungsweise Vormittagsbereich stattfinden. Die Teilnahme an den betreuten Nachmittagsveranstaltungen ist freiwillig. Als Gegenstück zu den offenen Ganztagsschulen, gibt es noch die teilweise und die voll gebundenen Form. Dabei ist das gesamte Programm Pflicht und der Schulunterricht verteilt sich auf den ganzen Tag.
Um das Konzept der “Offenen Ganztagsschule“ bestmöglich durchzuführen, benötigt es der Hilfe vieler außerschulischer Partner, unter anderem sozialen Einrichtungen, Kirchen et cetera, um ein gut strukturiertes und wertvolles Nachmittagsprogramm zu organisieren. Mit Hausaufgabenbetreuung und weiteren Hilfsstellungen sollen die Lerndefizite der Schüler in den Griff bekommen.
Mit Ganztagsschulen gegen das Übergewicht
Dies ist allerdings nicht die einzige positive Wirkung, die von den Ganztagsschulen erzielt werden könnte
Ein weiteres Problem, dass für mindestens ebensoviel Aufruhr gesorgt hat, ist die zunehmende Zahl von Übergewichtigen. Jeder zweite Erwachsenen in Deutschland ist Übergewichtig. Jeder fünfte gilt als adipös. Der Trend der letzten Jahre ist dabei stark steigend. Auch bei Kindern und Jugendlichen sieht die Entwicklung ähnlich aus. Einer Studie der deutschen Kinder- und Jugend-Gesundheitssurvey (KIGGS) zu Folge, sind 9 % der Kinder zwischen 3 und 17 Jahren übergewichtig, mehr als 6 % sind bereits adipös.
Die Ursachen liegen vor allem in der falschen Ernährung und dem Bewegungsmangel, beides Probleme, die im ganzheitlichen Konzept zur Ganztagsschule berücksichtig werden. „Wenn wir die Kinder schon den ganzen Tag bei uns haben, wollen wir auch erzieherisch tätig sein - da ist ein gesundes Mittagessen ein Bestandteil“ berichtet Joseph Nadenau, Schulleiter der Eckhard-Vonholt-Schule in Schwalmstadt im Interview von ganztagsschulen.org. Durch zusätzliche Projekte, wie den „Besser-Esser-Pass“, bei denen die Schüler einen Biobauernhof besuchen und selber lernen, gesundes Essen zuzubereiten, werden den Schülern zudem die Vorzüge gesunder Kost näher gebracht.
Die Ärztekammer Nordrhein und AOK Rheinland haben das seit 1995 bestehende Programm „Gesund macht Schule“ seit dem laufenden Schuljahr auf die Ganztagsschulen ausgeweitet.
Schule und Verein, eine notwendige Symbiose
Um dem Bewegungsmangel entgegen zu wirken, arbeiten viele Ganztagsschulen eng mit Sportvereinen zusammen. Eine Kollaboration, die für beide Seiten unbedingt notwendig ist. Der ehemalige Präsident des Deutschen Sportbundes, (DSB) Manfred von Richthofen, betonte die Bedeutsamkeit in seiner Festrede beim Bundestag des Deutschen Hockeybundes 2005 mit dem Statement: "Die Auseinandersetzung mit der Einführung der Ganztagsschule in Deutschland ist die dringlichste Aufgabe für Deutschlands Vereine. Wer sich hier nicht für seinen Verein um Lösungsmöglichkeiten, wie Kooperationen mit den Schulen der Umgebung, kümmert, verschläft die Zukunft des Vereinssports in Deutschland."
Wie richtig er mit seiner Einschätzung liegt, kann man gut erahnen, wenn man sich den Sachverhalt etwas genauer ansieht. Durch die zunehmende ganztägige Betreuung „verlieren“ die Kinder Zeit, die sie ansonsten zur freien Verfügung hatten und in Sportvereinen verbracht haben. Durch das vermehrte Sport- und Spielangebot der Schulen wird zudem eine größere Anzahl von qualifiziertem Fachpersonal gebraucht, die so den Vereinen verloren gehen könnten. Durch den Ausbau des Sportangebots der Schulen werden den Vereinen Belegungszeiten der Sportstätten genommen.
Eine Menge guter Gründe also, sich für eine Kooperation zu engagieren. In Nordrhein-Westfalen arbeiten Schulen und Vereine traditionell sehr eng zusammen, am 18.11.1994 unterzeichneten die Landesregierung und der LandesSportBund Nordrhein-Westfalen, eine „Vereinbarung über die Förderung der Zusammenarbeit zwischen Schulen und Sportvereinen“. Darauf aufbauend folgte, im Zuge der Entwicklung zur Ganztagsschule, im Mai 2002 das „Aktionsprogramm zur Förderung der Zusammenarbeit von Schulen und Sportvereinen in Nordrhein-Westfalen“.
Es scheint als hätten alle die Dringlichkeit erkannt, einen Nutzen daran haben alle Beteiligten, insbesondere die Kinder.
Text: Sebastian Rösner