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15.12.2010: Video der Woche 06/08

Lindy Hop, Stompin at the Savoy

Auf den ersten Blick ist die Lenox Avenue 596 in Harlem, New York, wenig Aufsehen erregend. Die grauen Klötze am Rand der breiten Straße wirken trist - und eine kleine Grünfläche mit einem Basketballfeld fast wie eine Oase. Nichts deutet darauf hin, dass dies der Ort war, der entscheidende Bedeutung hatte für die Entwicklung vieler weltweit populärer Musik-, Tanzstile und Jugendkulturen.

Ab und zu kommt hier ein Besucher vorbei, um eine steinerne Gedenktafel zu betrachten, welche auf dem Satellitenbild nicht mehr zu erkennen ist. Auf dieser Tafel steht oben in dicken Lettern „SAVOY“,  unten erkennt man ein Tänzerpaar und eine Inschrift „Home of Happy Feet 1926-1958“. Der oft  von weither gereiste Musikfan nimmt jedoch mehr wahr als eine steinerne Inschrift, die Tafel lässt Musik in ihm erklingen, und Bilder von begeisterten schwarzen und weißen Tänzern im legendären Savoy Ballroom laufen vor seinem inneren Auge ab

Im Savoy spielten ab Ende der 20er Jahre Bandleader wie Fletcher Henderson und Duke Ellington auf, und Ende der 30er, als ganz Amerika vom Swingvirus infiziert war, lieferten sich Superstars wie Benny Goodman und Count Basie musikalische Schlachten mit der von Chick Webb geleiteten Band des Hauses (und wurden nach Meinung der Anwesenden beide vernichtend geschlagen).

 

 

 

Zu Ehren eines Piloten

Die schwarzen und weißen Tänzer tanzten den Lindy Hop, welcher nach einer Zeitungsschlagzeile zur Atlantiküberquerung von Charles Lindbergh benannt wurde („Lindy hops the atlantic“). Der von einer Gruppe von schwarzen Tänzern um George Snowden, Big Bea, Leroy Jones und Little Bea aus Tänzen wie Charleston, Twostep und Black Bottom weiterentwickelte Tanzstil, ist gleich in mehrfacher Hinsicht wegweisend. Zunächst lösten die Tänzer die strenge Paartanzhaltung, wodurch mehr es mehr Raum gab für Kreativität, Improvisation und die Entwicklung immer neuer Schritte und Figuren. In dieser Hinsicht beeinflusste Lindy Hop Tanzstile wie Rock ´n` Roll, Disco und Hip Hop maßgeblich. Die Verwendung akrobatischer Einlagen wie etwa bei dem von Franky Manning 1936 entwickelten Luftsprung (Aerial) nimmt viel von der Faszination so unterschiedlicher Tanzstile wie Rock ´n` Roll und Breakdance vorweg. Niemals zuvor hatte irgendjemand seine Partnerin in die Luft geworfen, herumgewirbelt und wieder aufgefangen. Auch die kollektive Hingabe der Tänzer an Rhythmus und Musik und das bewusste Anstreben von Tranceerlebnissen durch das Tanzen war damals neu oder gar schockierend für die westliche Öffentlichkeit und rief daher schnell Tugendwächter auf den Plan, die den „ekstatischen“ Tanz als Ausdruck von Raserei und Wahnsinn verdammten.

Mehr als ein Tanz - Ausdruck einer emanzipierenden Jugend

Tatsächlich war die Besorgnis der Moralhüter berechtigt, denn Lindy Hop war mehr als nur ein neuer Tanzstil, nach Ansicht eher wohlwollender Kritiker war sie  Ausdruck einer modernen, demokratisierten, sich emanzipierenden Jugend, welche die Werte der alten patriarchalischen Kultur überwand. Mit den identitätsstiftenden Merkmalen eines eigenen Jugendjargons und einer spezifischen Kleidung gilt Lindy Hop als die erste echte Jugendbewegung auf dem amerikanischen Kontinent. Hinsichtlich der Mode herrschte bei den jungen Mädchen große Nachfrage nach Accessoires wie Pelzen, persischen Lammfellen, Silberfüchsen und Ledertaschen, während die männliche Eleganz nach breiten Jackettumschlägen, Smokings und weißen Schlipsen verlangte. Auch die Schuhindustrie wurde durch Lindy Hop mächtig angekurbelt. Schnürschuhe, flache Schuhe und Pumps waren bei den Damen ebenso erlaubt wie Schuhe mit breiten, dicken Absätzen. Bei den Herren setze sich dagegen der zweifarbige Schuh im sogenannten Hollywood-Style durch. Die Kleidung sollte Selbstvertrauen ausdrücken, wirkte manchmal allerdings etwas prahlerisch. Ungeachtet solcher eher oberflächlichen  Auswüchse lässt sich jedoch ohne Übertreibung sagen, dass Lindy Hop nicht nur die Unterhaltungskultur des 20.Jahrhunderts maßgeblich prägte, sondern auch ein bedeutender Katalysator für die Bürgerbewegung der schwarzen Bevölkerung in den U.S.A war, sowie für die weltweiten Emanzipationsbewegungen der Jugendlichen und der Frauen.

Das Savoy in der Lenox Avenue 596 in Harlem existiert nicht mehr, der Geist von Lindy Hop ist heute jedoch auf der ganzen Welt verbreitet.

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