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Fordern statt Verwöhnen: Iglu bauen im Yeti-Village 2005|Eine Nacht auf der Eismatratze

Die Weihnachtszeit eignet sich bestens dazu den körperlichen Abbau zu beschleunigen. Zu viel Fettes und Süßes, Alkohol und so gut wie keine Bewegung lassen den Körper in nur einer Woche und für alle sichtbar um zwei Jahre altern. Die Zeit danach muss bis zum Start der Badesaison dafür herhalten um alles wieder in Form zu bringen, was selten funktioniert. Wie sehr haben wir uns daher über das Angebot im Internet der Iglubauer aus Basel gefreut: Schneeschuhwanderung in der Schweiz, kombiniert mit dem Bau eines Iglus und Übernachtung darin. Das klingt für uns nach Abenteuer und steht im Kontrast zu in einer Weihnachtszeit, die zwischen Plätzchen, Braten und Kamin zum Verweichlichen einlädt.

 

 

Ab in den Süden

 

Unser Eskimo-Selbsttest beginnt in Freiburg, am 28. Dezember 2005 um 6.40 Uhr. Sechs Personen machen sich mit dem Auto und ein paar Vorbehalten auf den Weg in die Schweiz. Natürlich hätten wir auch im Schwarzwald ein Iglu bauen können, mehr als ein Meter Schnee reichen dafür. Wie wichtig aber eine fachliche Anleitung gerade beim ersten Mal Iglu bauen ist, zeigt sich im Verlauf unserer Unternehmung.

 

Nach drei Stunden Fahrt erreichen wir den Kanton Glarus und unseren Zielort Braunwald. Wir müssen uns beeilen, denn die Gruppe der Iglubauer nimmt die Bahn um 9.55 hinauf zur Mittelstation. Unsere Sachen sind noch nicht ganz gepackt und wir brauchen zu lange, daher sehen wir die abfahrende Bahn leider nur von außen. Die Ticketverkäuferin versichert, dass in der Bahn seltsam erscheinende Personen waren, ausgerüstet mit Schneeschuhen, Schaufeln und Sägen. Die Gruppe atmet auf und nimmt die nächste Bahn. Nach zweimaligem Umsteigen und langer Fahrt regt sich an der Bergstation der erste Unmut: keine Ortskenntnisse, viel zu wenig Celsius in der Luft und ein bedeckter Himmel lassen die Motivation schmelzen. Aufgrund der guten Beschreibung der Iglubauer und der Zusicherung eines Bergführers, dass der Ort des Yetivillage einfach zu finden sei, schnallen wir uns die Schneeschuhe dennoch unter und laufen los. Nach den ersten Metern wird uns warm und der Spaß kommt zurück. Schneeschuhwandern ist eine tolle Sache und unbedingt zu empfehlen, vor allem mit Stöcken.

 

Eine dreiviertel Stunde und 100 Höhenmeter später verlassen wir den präparierten Weg und folgen frischen Schneeschuhspuren. Nach weiteren zehn Minuten beschleicht uns die Unsicherheit, ob wir noch richtig sind. Von Clemens an der Spitze unserer „Reisegruppe Yeti“ kommt dann die erhoffte Nachricht: „Da vorne buddeln welche!“ Wir sind angekommen. Die Basler Iglubauer „Ali“ und „Check-it“ genannt, begrüßen uns und freuen sich, dass auch Teilnehmer aus Deutschland am Yetivillage mitbauen.

 

 

Stampfen statt Mampfen

 

Obwohl es Mittag ist und wir ein paar Kohlenhydrate dringend nötig hätten, ist an Essen nicht zu denken. Wir haben gegenüber den anderen eine Stunde aufzuholen und bei Einbruch der Dunkelheit sollte unser Hotel stehen. „Check-it“ trägt mit seiner Internetseite iglubauer.ch die Schuld, dass wir statt vor dem warmen Kamin zu sein nun auf 1650 Meter Höhe und bei –15 Grad bibbern. Mit gefrorenen Augenbrauen lauschen wir seinem Referat zum Thema Iglubau.

 

Zwei Tage vor unserer Tour lief im Fernsehen die Verfilmung von „Soweit die Füße tragen“. Wir erinnern uns kurz an die Szene, in der der Akteur seine kalten Füße in den warmen Bauch einer frisch erlegten und aufgeschlitzten Robbe steckt. Eine schöne Vorstellung, die an dieser Stelle nicht zum letzten Mal aufkommen sollte.

 

Als wir mit der ersten Bauphase beginnen, wird uns auch ohne Robbe schnell warm. Zuerst müssen wir einen „Steinbruch“ bauen. Dafür stampft man ein Areal von circa fünf auf fünf Metern mit Schneeschuhen fest und schafft sich die Grundlage für das Baumaterial. Der verdichtete Schnee wird mit den Eissägen in Blöcke geschnitzt, die circa 60x40x20 Zentimeter groß sind.

 

Parallel dazu legen wir den Standort der Iglus fest. Von einem großen Iglu für sechs Personen raten uns Check–it und Ali ab. Höhe und Statik seien von uns Anfängern nicht beherrschbar.

Das Fundament der Iglus wird durch meditatives Stampfen ebenfalls stark komprimiert. Dadurch verhindert man das Abrutschen des Iglus.

Um die menschliche Abwärme beim Übernachten optimal zu nutzen, sollte man den Raum des Iglus so klein wie möglich wählen. Ganz wichtig: mit einem Skistock in der Mitte und einem weiteren wird regelmäßig der korrekte Radius kontrolliert. Bei einem Iglu gelingt uns das ganz gut, bei dem anderen wird uns die schlampige ovale Grundform noch einige Probleme bereiten.

 

 

Krise trotz Fortschritt

 

In den folgenden Stunden nehmen beide Iglus langsam Form an und trotzdem gerät die Reisegruppe gegen 15 Uhr in ihre größte Krise. Mit den Realitäten vor Ort konfrontiert, können sich nicht mehr alle die Übernachtung im Iglu vorstellen und wir diskutieren Alternativen. Korrumpiert von kalten Fingern und Füßen wird von Heimfahrt gesprochen und von der Übernachtungsmöglichkeit in der nahe gelegenen Berghütte. Keiner von uns möchte der „Umfaller“ sein und traut sich das auszusprechen was alle denken: heimgehen! Jeder iglubaut so vor sich hin und hofft, dass jemand den Mut aufbringt. Nichts geschieht. Nach ein paar Minuten haben wir uns dann nonverbal gegen die Heimfahrt entschieden, denn die letzte Bahn ins Tal ist nicht mehr erreichbar.

 

Eine halbe Stunde später steht dann tatsächlich das erste Iglu fertig vor uns. Der Stolz der Bauherren und –damen steht uns ins Gesicht geschrieben. Das Wort „Iglu“ der Inuit, wie Eskimos politisch korrekt genannt werden, heißt übersetzt schlicht „Haus“. Die Eigenheimzulage müsste uns damit gerade noch gesichert sein.

 

Zu diesem Zeitpunkt wissen wir nicht, dass das Schlimmste erst noch kommt. Das zweite Iglu muss jetzt mit der Restenergie, die in uns steckt fertig gebaut werden. Beim Schneiden, Tragen und Setzen der Steine spüren wir kaum noch Kraft in den Armen.

 

 

Gleichgewichtsprobleme überfordern Iglustatik

 

Nachdem wir bisher an jeder Stelle unserer kleinen Unternehmung gut vorankamen, scheint jetzt nichts mehr zu klappen. Im Steinbruch brechen die Blöcke entweder beim Sägen auseinander oder beim Transport. Außerdem weist die erste Steinreihe unseres ovalen Grundrisses Schwachstellen auf: beim Setzen der Blöcke bricht immer wieder die Reihe darunter zusammen. Alles funktioniert nur noch nach dem Prinzip ein Schritt vor, zwei zurück. Die einsetzende Dämmerung treibt uns dennoch an. Wir fragen Check-it und Ali um ihre Hilfe. Mit einem lässigen: „Tja, so ein Iglu baut sich halt nicht von alleine!“ folgen uns die beiden. Im Schein der Stirnlampen sägen, schleppen und setzen wir Stein um Stein. Obwohl es inzwischen fast ganz dunkel ist, kommen wir gut voran. Jetzt fehlen uns nur noch die letzten drei Steine, die das Dach bilden werden. Es wird immer schwerer die Steine anzureichen, immer weniger Kraft ist vorhanden, um die zehn Kilo schweren Blöcke immer höher zu hiefen. Beim Anreichen geschieht es dann: Geschwächt von den Strapazen verliert ein Eisblock das Gleichgewicht und reißt seinen Träger mit auf das Iglu. Eine komplette Wand stürzt ein und die beiden, die eben noch im Iglu eingebaut waren, stehen zur Hälfte im Freien. Es ist stockdunkel und ein kollektives Fluchen und Jammern schallt durch die Alpen.

 

Nach einer traurigen Minute wählen wir wieder die Vorwärtsstrategie. Wir setzen uns in einen Zustand gemeinsamer Meditation und aufs Neue unbeirrt die Steine. Aus Wut spüren wir im Moment keine Kälte mehr. Gegen 18 Uhr ist es geschafft: der letzte Stein wird von Check-it fachmännisch angereicht und von Ali im Iglu eingepasst. Der Ausgang wird gegraben und die Löcher verputzt, damit uns der Wind nichts anhaben kann.

 

Inzwischen haben wir auch Zeit auf unsere knurrenden Mägen zu achten. Ein Teil unserer Gruppe beginnt daher mit dem Kochen, der andere richtet das Nachtlager. Das Essen geht schnell von Statten, nach unserem Tageswerk lockt vor allem der Schlafsack. Erstaunlich nur, wie gut nach all der Weihnachtsvöllerei einfache Nudeln und Ravioli schmecken. Mehr als warme Kohlenhydrate braucht kein Yeti. Vor dem Schlafengehen machen wir noch einen Spaziergang, um uns aufzuheizen und schnell das Iglu aufzuwärmen.

 

Die Temperatur im Iglu kann deutlich über der Außentemperatur liegen. Wir schätzen, dass die Temperatur in unserem Iglu leicht unter dem Gefrierpunkt lag. Ausgestattet mit einigermaßen guten Schlafsäcken (keine Expeditionsschlafsäcke) und viel Isolation nach unten gegen den Schnee, konnten wir gut schlafen. Auch wenn Isi am nächsten Morgen behauptet hat, sie hätte geschwitzt: der Respekt vor der Kälte ist uns allen geblieben.

 

Ali hat uns vor dem nächsten Morgen gewarnt, wenn man aus dem warmen Schlafsack und aus dem Iglu kriechen muss: "Das ist der schlimmste Moment!" Wir haben möglichst schnell unsere Sachen gepackt, die Schneeschuhe angezogen und sind losmarschiert zur Bergstation. So konnte uns erst gar nicht richtig kalt werden. Dort angekommen meint Isi in Hinblick auf die Heizung im Auto, die uns in wenigen Minuten wärmen wird: "Ich hab noch nie so angenehm gefroren!"

 

Nach unserer Nacht im Iglu können wir endlich die Leistungen von Reinhold Messner und Arved Fuchs etwas einschätzen. Respekt, Jungs!

 

 

 

Weiter Informationen zum Thema gibt es unter:

 

www.iglubauer.ch

www.cevi.ch/regzh/hettlingen/cevitechnik/Biwak/index.htm

 

 

 

 

Text: Nina Kehr

 

Bilder: der Yeti

 

 

 

 

 

 

 

 

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