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15.12.2010: Spinnst Du?

Indoorcycling

Gerade jetzt im Winter ist Indoorcycling, das Radfahren in der Gruppe zu Musik eine beliebte sportliche Betätigung. Musik, Gruppe und Stimmung führen zu sportlichen Hochleistungen - um nicht vorher unfreiwillig vom Rad zu fallen, gibt es einige Dinge zu beachten



Beat und Bass vibrieren immer wieder. Die schweißgetränkten, müden Körper kommen trotz erster Erschöpfungsanzeichen nicht zur Ruhe. „Bums, Bums, Bums“ immer weiter, immer lauter dröhnt  es  aus den Boxen. Keine Chance auf Pause. „Up!“ schreit die Übungsleiterin durch das Headset. Die Gruppe folgt, hievt sich in den Stand. 300 Watt peitschen die Fahrer einen eigentlich nicht vorhandenen Berg hinauf. Die Beine, schlaff wie ein nasses Handtuch, treten mit letzter Kraft in die Pedale.


Indoorcycling, das ist der Sport, der Ausdauerathleten an Ihre Grenzen führt und untrainierte Herzen wieder auf Trab bringt. Der frühzeitige Aus- beziehungsweise Abstieg von Rad fällt in aufgeputschter Atmosphäre nicht immer leicht. Dabei gilt auch beim Spinning die einfache Maxime: Hör auf dein Herz! Das weiß auch Anouk Heitzer, die heute wieder mal Vollgas gibt. Eine der zwei Isodrinkflaschen im Halter von ihrem Spinningrad ist längst leer, obwohl nicht mal die Hälfte der Strecke geschafft ist. „Noch drei, noch zwei noch einer“ heißt es und dann fallen die Gesäße der Teilnehmer - geschützt von gepolsterten Hosen - wie schwere Melonen zurück in den Sattel. Ein Wisch mit dem Tuch durchs Gesicht, gewissenhafte und verstohlene Blicke auf die Pulsuhren. Dreimal die Woche „spinnt“ Anouk, inzwischen ist sie selbst lizenzierte Instruktorin – sie schwitzt, schreit und versucht darauf zu achten, dass es keiner übertreibt. Eine Berufshaftpflichtversicherung, die haftet wenn jemandem etwas passiert, hat sie zur Sicherheit trotzdem abgeschlossen. „Irgendwo ist jeder für sich selbst verantwortlich“, sagt die 25 Jährige.


Sie selbst ist schon zehnstündigen Marathons gefahren, bei so genannten „Conventions“, auf denen die Kenner der Szene ihre Kräfte messen: „ Es ist einfach Wahnsinn, wenn die Menge auf dem Beat schwebt! Und das für Stunden!“, schwärmt die Instruktorin. Die Leidenschaft des gruppendynamischen Radsports hat sie gepackt und lässt sie auch dann nicht los, wenn Wadenkrämpfe ihr Bewusstsein  fest im Griff haben.


„Spinnen“. Angefangen hat das für Anouk Heitzer vor acht Jahren,  der Sport begann gerade langsam die Fitnessstudios und Herzen von Radsportfans zu erobern. Damals nahm sie als Teilnehmerin an ihrem ersten Kurs teil. Heute werden in mehr als 2500 Studios deutschlandweit Spinning-Kurse auf  teils ultramodernen, teils maroden Drahteseln angeboten. Die passende Musik aus lauten Anlagen und ein Instruktor, der zu fingierten Bergetappen und regenerierenden Talfahrten einlädt, dürfen nicht fehlen.
Dabei steht und fällt die Qualität  mit der Vorerfahrung und der Ausbildung des Kursleiters, findet nicht nur Anouk Heitzer. Hintergrundwissen über die cardio-vaskuläre Belastung des Sports sind unabdingbar für eine adäquate Betreuung, sagt Stefan Türk. Für den wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts für Kreislaufforschung und Sportmedizin an der Deutschen Sporthochschule Köln (DSHS) ist klar: „Spinning kann verschiedene Charaktere haben: Mit einem guten Instruktor kann man Grundlagenausdauer trainieren. Technomusik auf 250 Beats und dazu sportlich unerfahrene Teilnehmer – das birgt erhebliche Risiken“ Zu diesem Thema tippt Anouk nur auf die Pulsuhr am linken Armgelenk.  Ohne Kontrolle der Herzfrequenz läuft in ihren Kursen nichts. Denn „ Spaß soll das ganze bringen, aber vor Erschöpfung vom Rad fallen soll keiner“.
Deshalb heißt es am Kursende, bevor es ans Dehnen der strapazierten Muskeln geht: „Erst Kreislauf stabilisieren, dann absteigen“. Nur langsam beruhigen sich die Gemüter, laufen die surrenden Vorderräder zu plötzlich gedämpfter Musik immer gemächlicher. Noch nach Stillstand pumpt das Herz mit wuchtigen Schlägen  Endorphine durch sämtliche Adern des Körpers. Wer jetzt kein begeistertes Lächeln im erschöpften Gesicht trägt, hat den Beat nicht erwischt. Ist nicht „infiziert“.
Dabei sollten „besonders Personen über 35 Jahre mit Vorerkrankungen das Spinning nicht mit dem in der Therapie angewandtem Ergometer verwechseln“ warnt  Stefan Türk. Wattleistungen brächten  beim Indoorcyclen eben nur die Musikboxen und ließen sich nicht -  wie beim Ergometer - als Kontrollparameter am Rad voreinstellen. Hier entscheidet jeder selber, wie weit er geht.
Ob es sie nicht störe, das es eigentlich trotz all dem Gestrampel keinen Zentimeter voran gehe? Nein, darum gehe es ja nicht, dann könnte man sich ja das normale Fahrrad nehmen und allein Runden drehen. „Der Beat und die Gruppendynamik machen’s!“, sagt Anouk Heizter, schnappt Ihre Flaschen, das triefende Handtuch und verlässt mit klickernden Schritten Ihrer Clipschuhe den Übungsraum. Bis morgen, wenn es wieder heißt „Up“ - auf in den Stand und soviel geben, wie Körper und Geist es zulassen.

Text: Lena Döring

Text: Spoho

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