
Ischgl - Die Schmerzen sind unerträglich. Ein lauter Knall – und zu ist die Tür des Krankenwagens. Minutenlang liegt Henning R. mit schmerzverzerrtem Gesicht auf der Krankenliege. Wenn doch bloß nicht dieser stechende Schmerz im Bein wäre. Wie konnte einem erfahrenden Skifahrer, wie ihm, das nur passieren? Das Knie schwillt sekündlich an, immer dicker und dicker. Routiniert stellt der Sanitäter seine Fragen zur Unfallursache: „Haben Sie Alkohol zu sich genommen?“. Fast schon entschuldigend antwortet Henning R.: „Es waren nur ein oder zwei Gläser Punsch zum Aufwärmen.“
So wie Henning R. machen viele Wintersportler gern einen Halt an der Skibar, um sich mit Glühwein und Punsch aufzuwärmen – leider oft mit Folgen für die Gesundheit. „Zwar entsteht beim Alkoholkonsum ein Wärmegefühl, weil der Alkohol die Blutgefäße erweitert und die Haut stärker durchblutet. Durch die körperliche Bewegung wird die Gefäßerweiterung jedoch weiter verstärkt. Durch die eiskalte Außenluft kommt es so zu vermehrten Wärmeverlust“, warnt die Schweizer Fachstelle für Alkohol- und Drogenprobleme (sfa). Zudem werden Koordination und Motorik sehr stark eingeschränkt, so dass komplexe Bewegungsabläufe beim Skifahren oder Snowboarden kaum noch zu kontrollieren sind.
„Ich war mir über die schrecklichen Auswirkungen gar nicht bewusst“, beklagt Henning R., dem voraussichtlich eine schwere Knieoperation bevorsteht. „Alle haben etwas getrunken, da wollte ich mich nicht ausgrenzen“.
Doch nicht nur die Abfahrt nach der Feier ist gefährlich; auch die Nachwirkungen können gefährlich sein. Amerikanische Wissenschaftler des Western Consortium of Public Health fanden heraus, dass der Kater vom Vorabend gefährlicher sei, als ein kleines „Schümli–Pfümli“ in der Pistenbeiz. 85 Prozent der verletzten Wintersportler haben nach dieser Studie am Tag ihres Unfalls keinen Alkohol zu sich genommen, am Abend zuvor jedoch zu tief ins Glas gesehen.
Zu den häufigsten Verletzungen zählen Knochenbrüche, Prellungen und Platzwunden. In der Unfallchirugie des Klinikums Garmisch–Patenkirchen werden jährlich ungefähr 1.000 Skifahrer nach einem Unfall behandelt. „Ein Prozent davon sind so betrunken, dass es auch mit bloßem Auge mehr als offensichtlich ist. Die Dunkelziffer der angeheiterten Skifahrer ist aber wesentlich höher. Wir gehen davon aus, dass jeder zweite Skifahrer Alkohol zu sich nimmt“, erläutert Dr. Rainer Wölfel, Chefarzt der Garmisch –Patenkirchener Unfallchirugie.
Sorgen um den Verlust der Versicherung brauchen sich die Skifahrer jedoch nicht zu machen. „Man braucht keine Angst bei dem einen oder anderen wärmenden Tee mit Rum zu haben. Generell zahlen auch dann die Versicherungen, wenn die Schlangenlinien, die man kurz vor dem Unfall gezogen hat, mit der Pistenführung nichts mehr zu tun haben“, erläutert die Allgemeine Unfallversicherungsanstalt (AUVA), die im vergangen Jahr 54 000 Unfälle in Österreichs Bergen registrierte. Doch schon um den eigenen Spaß am Skiurlaub nicht zu verderben, sollte sich jeder Skifahrer an die Empfehlung des Kuratoriums für Sicherheit (KfV) halten und „während des Schitages auf den Alkohol lieber verzichten".
Text: LUIDGARDIS JENDRZEJ
Text: Spoho