02.04.2007: Lawinen Basic Camp: 3.Teil

Der Traum eines jedes Freeriders ist es, die ersten Spuren in einen unberührten Tiefschneehang zu ziehen. Nach der gestrigen Therorieveranstaltung steht heute der Praxistag beim SAAC Lawinen Basic Camp auf dem Programm. Jutta Kühle war dabei.
Heute soll nun das Erlernte aus der Theroriveranstaltung "Die weiße Gefahr" und "Der weiße Killer im Nordhang" in die Praxis umgesetzt werden. Ausgestattet mit LVS-Gerät (Lawinenverschütteten- Such- Gerät), Sonde und Schaufel treffen sich die Wintersportler auf der Bergstadtion des Skigebiets Axamer Lizum. Traumhaftes Wetter, optimale Fernsicht und das Lächeln der glitzernden Neuschneehänge laden zum Tiefschneevergnügen ein - der Lawinenlagebericht hingegen lädt aus.
"Die Lawine weiß nicht, dass wir Experten sind."
Bergführer Wolfgang erklärt seiner sechsköpfigen Gruppe: „Leider weiß die Lawine nicht, dass wir Experten sind.“ Er liest aus dem aktuellen Lawinenbericht vom 04.03 07 vor:
“Extrem heikle Situation für Wintersportler. Alles spricht heute für den lawinengefährlichsten Tag des Winters. Lawinenstufe vier - große
Lawinengefahr.“ (hier: der komplette Lawinenlagebericht für Tirol vom 04.03.07)
Damit sind die „grinsenden“ Neuschneehänge mit glitzerndem Powder tabu.
Aber das Skigebiet bietet dennoch kleine Varianten im unverspurten Gelände.
LVS- Gerät Check: piepst
Geduldig erklärt der Skiführer welcher Hang unter welchen Umständen gefährlich wird. Welche Route er am verschneiten Gegenhang wählen würde und warum die Spuren der Variantenfahrer riskant sind.
Wie messe ich im Gelände die Steilheit eines Hanges? Mit Hilfe verschiedener Methoden kann vor Ort die Neigung berechnet werden. Einige Methoden findet ihr hier.
Der Bergführer fährt los, verlässt die Piste und wartet auf dem Bergrücken. „In diesen Hang würde ich unter normalen Umständen niemals hineinfahren. Aber ich komme von hier und weiß, dass der Hang hoch frequentiert ist. Mehrere 100 Leute fahren täglich in diesen Hang. Es ist also davon auszugehen, dass die Schneedecke gefestigt ist. Einzelne Spuren hingegen im unbekannten Gelände sind nie ein Garant für die Festigkeit der Schneedecke.“
Auszug aus dem Lawinenlagebericht vom 04.03.07:
„Oberhalb von 1800-2000m kann man die Schneedecke in Bodennähe durch einen markanten Wechsel von lockeren Schwimmschneeschicht und dünnen Schmelzharschdeckeln charakterisieren, auf denen der stark vom Wind beeinflusste Neuschnee der vergangenen Woche lagert.“
Wolfgang erklärt: „Schneeprofile wurden in der Vergangenheit oft überbewertet. Ein Schneeprofil zeigt nur eine Momentaufnahme, die an jeder Stelle des Hanges anders aussehen kann. Trotzdem kann ein Schneeprofil helfen, Lawinenentstehung zu verstehen.“
Deshalb buddelt die Gruppe einen Schneewürfel aus dem 30° steilen Gelände. Und tatsächlich: Ganz unten in Bodennähe findet sich die sagenumwobene Schwimmschneeschicht. Sie ist gekennzeichnet durch grobkörnige, runde Schneekristalle, die an Kugellager erinnern. Darüber befinden sich der harte Harschdeckel, dann eine Schicht mit gesetztem Schnee und darauf der liebenswerte Pulverschnee.
Todesmutig wagt sich Wolfgang auf den ausgegrabenen Würfel. Leichtes Hüpfen und oberhalb des Schwimmschnees löst sich ein kleines Schneebrett. Wie auf Rollen rutscht das Brett über die groben Körner des Schwimmschnees.
Was wir hier in Minaturansicht veranschaulicht wird, sieht im Original ganz anders aus.
Die typische Schneebrettlawine kann mehrere hundert Meter breit sein und einen Druck von 30-40 Tonnen pro Quadratmeter entwickeln.
Beeindruckt durch diese Demonstration setzt die Gruppe ihren Weg durch das Gelände fort. Nun steht die Ortung mit dem Lawinenpieps auf dem Programm.
Die Überlebenschancen eines Verschütteten, der innerhalb 15 Minuten ausgegraben wird, stehen bei 90 Prozent. Nach 45 Minuten können nur noch weniger als 30% der Opfer lebend geborgen werden.
Deshalb ist die Kameradenrettung mit gleichzeitiger Alarmierung der Bergwacht die wichtigste Sofortmaßnahme.
Wie geht man vor, wenn der Freerider nach Stillstand der Lawine vor dem Lawinenkegel ins Unglück starrt?
Von der Grobsuche, über die Feinsuche bis hin zur Punktortung lernen die Teilnehmer den Umgang mit dem LVS-Gerät kennen. Als abschließende Bewährungsprobe gilt es nun den verbuddelten Pieps des Partners im Schnee zu orten.
Am Ende des zweitägigen Lawinencamps haben die Teilnehmer ihr Wissen um die weiße Gefahr vertieft. Es geht darum den Berg in Verbindung mit dem Wetter- und Lawinenlagebericht richtig lesen zu können. Diese Fähigkeit setzt ein enormes Wissen, Respekt vor dem Berg und viel Erfahrung voraus.
Jedes Jahr bieten die SAAC mehrfach kostenlose Lawinencamps aber auch drei- oder fünftägige Tourenschulungen an.
Weitere Inforamtionen findet ihr unter www.saac.at
Fotos: Juliane Kurzke
Quellen:
MUNTER, W. (1997): 3X3 Lawinen. Entscheiden in kritischen Situationen. Agentur Pohl & Schellhammer, Garmisch Partenkirchen.
Österreichisches Kuratorium für alpine Sicherheit (2005): Lawinenfibel, 5.Auflage, Innsbruck
Text: Jutta Kühle